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Foto: Osama-derfilm |
Versuch, der Burka zu entgehen
Filmkritik der Stuttgarter Zeitung
Die Taliban kommen! Dieser Schreckensschrei scheucht sie vorwärts, Frauen,
Kinder, Alte in Rudeln, gehetzt von schwarzbärtigen Fanatikern, die ihre
Wasserwerfer auf sie richten. Helle Gischt ertränkt die Leinwand, kein Halten,
nirgends, in einem Chaos fliehender Leiber. Fast fühlt sich der Zuschauer
selber bedrängt, fast bangt er, wie da der Kameramann mit heiler Haut
davonkommen will, wie hält er sich, sein Objektiv trocken? Gefilmte Panik,
Afghanistan vorm Jahr 2001.
Wohl jeder, auf den diese Bilder einstürzen, sieht sie mit stockendem Atem und
im Bewusstsein, hier einen Dokumentarfilm mitzuverfolgen, vielleicht den letzten
vor der Verjagung der herrischen Kaste. In Wahrheit ist es der erste Spielfilm
aus einem "freien" Afghanistan, gedreht allerdings derart realitätsnah,
dass die Grenzen zwischen fiktiv und dokumentarisch immerzu verschwimmen.
Grausig wirkliche Wassergüsse zerstieben, was als inszeniertes Arrangement von
Menschenfluten und zerweichten Lehmhausfronten kaum noch erklärlich scheint; in
Sandwirbeln erstickt, was sich ein Regisseur je bloß ausdenken könnte. "Osama",
irreführender Titel: nicht um bin Laden geht es in diesem Film, sondern um das
Schicksal eines kleinen Mädchens, das in Knabenkleidung die Freiheiten eines
"männlichen" Daseins gewinnen soll, um der arm gewordenen Familie den
Lebensunterhalt zu erkämpfen. Osama nennen sie dieses Mädchen.
Ist die Geschichte, die hier erzählt wird, wahr - oder ersonnen? Beides; in
jedem Fall hat sie das Zeug, den Zuschauer anzurühren und zu verstören. Siddiq
Barmak, der Regisseur und Drehbuchautor, stieß auf den Stoff während seines
Exils in Pakistan - die Darsteller, die er für sein Projekt gewann, sind
allesamt Laien; er holte sie buchstäblich von der Straße, kaum dass er zurück
war in seiner Heimat, nach dem Sturz der Taliban und der Wahl der Übergangsregierung.
(Unter der Herrschaft der fundamentalistischen Gottesstaatler waren alle seine
Filmarbeiten konfisziert und größtenteils vernichtet worden; seine Position
als Direktor von Afghan Film hatte er verwirkt mit der Vertreibung ins Exil
1996.) Dass er wie so viele Filmemacher, denen Zensur und Repression zur bösen
Erfahrung geworden sind, seine leidvoll-trotzige Botschaft einem kleinen Mädchen
mit auf den Weg gibt, wen wundert"s? Die Wahl der Kleinen freilich war sein
Glück.
Wie es zu diesem Glück gekommen war, erzählt er selbst: "Die
Hauptdarstellerin Marina Golbahari bat mich auf der Straße um ein Almosen. Mir
fielen sofort ihre faszinierenden Augen auf, in ihnen lag Tragik, Melancholie
und eine große Traurigkeit. Als ich sie fragte, ob sie in einem Film mitspielen
will, wusste sie erst gar nicht, was ich meinte. Film und Fernsehen waren ihr
fremd." Erst Siddiq Barmak, der unlängst mit "Osama" auch zur
heftig applaudierten Eröffnungsvorstellung der Hofer Filmtage angereist war,
hat dem Mädchen die Scheu vor Kamera, Publikum und Scheinwerferlicht genommen.
Jetzt ist das afghanische Straßenkind Marina alias Osama wirklich so etwas wie
ein Star.
Ihr Geschick, von dem die Filmstory berichtet, ist so wunderlich wie
herzergreifend. Längst herrschen Furcht, Schrecken und darbende Bangigkeit im
Land, vor allem die Witwen, die Frauen fühlen sich wie gehetzte, in Pferchen
zusammengetriebene Kreaturen, für immer eingesperrt ins Gesicht und Körper
verhehlende Tüchergefängnis - wehe, sie zeigten sich öffentlich
unverschleiert! (Die Burka zu lupfen ist allen freieren Frauen höchste
heimliche Lust, auch Osamas Mutter - in einer nachtdunklen Seitengasse kann
sie"s wagen.) Angesichts der familiären Not - die Mutter hat ihre Arbeit
verloren, solche Weiber passen den kujonierenden Schergen nicht in ihr Allah
preisendes Konzept - unterstützt die schlaue lebenskluge Großmutter plötzlich
den Plan, die Enkelin in einen Enkel zu verwandeln. Bei einer Zwolfjährigen
braucht"s dazu nicht viel, nur: Haare ab! Der Rest ist Rupfensache, wie
einem Afghanenbuben auf den Leib geschnitten. Also passiert es. Und war es nicht
leicht?
Das Schwere erlebt das Mädchen, ein Kind in seiner Pein, genötigt zur
geschlechtlichen Mimikry, immer in Angst vor der Entdeckung. Nicht lang, da wird
die johlende Knabenhorde ihr Geheimnis ahnen - war nicht bereits verräterisch,
wie sie die auferlegte Mutprobe bestand, nur mit genauer Not und weil ein selbst
ernanntes zigeuenerhaft grinsendes Freundchen ihr half? Auf einen Baum soll sie
klettern - hinauf, das gelingt ihr ja, doch wie eine zu hoch emporgekrallte
Katze verharrt sie angstgelähmt, sobald es stammabwärts gehen soll. Ihr ganzes
Leben ist eine trotzig durchlittene Fron, eine einzige Flucht, ein Verstecken.
Sie "schafft an" - als Bub, dessen Arbeitswillen ein Milchmann gutheißt.
Stete Anpassung ist gefordert. Welche Gesittungen kommen auf junge Burschen zu?
In der Koranschule bei den Taliban lernen die kleinen Dressierten vielerlei
Mores, steif-religiöses Zeremoniell und archaisches Brimborium,
brauchtumsgerecht gepflegt.
Um Mannwerdung geht es mal wieder - liebste Übung aller Gesellschaften, die auf
Unterdrückung der Frauen erpicht sind. In einer turnstundengleich absolvierten
"Demo" erfahren die Initianten (Osama mitten darunter), wie man den
Turban wickelt. Erst der Turban macht sie zu Männern. Schon weist man die
Jungenhorde ein in jenes heikle Ritual, wie man Waschungen vornimmt: züchtig
mit handbreit gelockertem Lendentuch, auf dass von oben her der Guss aus dem
Zuber Reinigung schaffe. Vor Scham wäre das Mädchen Osama am liebsten gar
nicht erst aus dem Heißwasserbecken gestiegen, in dem ein walrossgleich
prustender alter Faun ihm aufmunternd streng, keineswegs ungütig zufeixt, weil
er die "Nymphe" erkennbar zu Liebesdiensten verpflichten will.
Die Spur, die der welke Mullah-Faun da aufgenommen hat, wird ihn - und vor allem
das Mädchen, das er dank seiner Stellung im gottfrommen Taliban-Volk buchstäblich
requirieren kann - zu einem höchst scheinharmonischen Finale führen. Plötzlich
droht dem Kind die Zwangsheirat, ein Gericht entscheidet dies weniger gott- als
mullahgefällig. So macht der geile Alte in seinem lehmigen Palast Osama zum
jederzeit verfügbaren Lustgeschöpf - und schenkt ihm zur Hochzeit was Feines,
ein Vorhängeschloss.
Ein schlimmer Schluss. Über manche Strecken mochte man den Film ja - speziell
als Mensch des so genannten Abendlands - mit gewisser Neugier, Belustigung,
hoffender Empathie verfolgen; dies Ende aber bekümmert, es ist fatal. Keine
Freiheit für Frauen, jeder Ausweg: versperrt. Nur wovon der Film schon nicht
mehr erzählt, der Sturz des Taliban-Regimes, konnte das Fatum mildern - wenn
dieser Sturz endgültig wäre . . . Nicht alles sieht danach aus.
Doch Siddiq Barmaks Film, dem das knäbisch geschopfte Straßenkind Marina
Golbahari ernst, zitternd und dennoch lebensstark gewitzt seine grandiose
Eindringlichkeit sichert, bringt die Botschaft vom überstandenen Leid in alle
Welt. In Cannes wie in Rotterdam, in Kopenhagen wie in Melbourne, Sarajewo, Sóo
Paolo, London, Bratislawa, Auckland, Jakarta, Palm Springs - wo immer es
Filmfeste gibt auf dieser Erde, waren die preisverleihenden Jurys hingerissen
von "Osama". Ein echter Festivalfilm. Aber endlich mal einer von jener
Sorte, die man auch allergrößtem Publikum vorsetzen kann.
Von Ruprecht Skasa-Weiß
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Ohne männliche Begleitung wäre der Heimweg undenkbar |
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Frauen Demo |
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Waschrituale |
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Hauptdarstellerin Maria Gilbahri (Osama) |
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Osama in der Koranschule Mutprobe vor den Klassenkameraden |
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Der Regissur Siddiq Bermak ( Foto:Bermakfilm) |
Film: Osama
Afghanistan/Japan/Irland 2003.
Riege/Buch: Siddiq
Barmak
Darsteller: Marina Golbahari, Zubaida Sahar, Mohammad Nadre Khwaja,
Mohammad Arif Herati, Mohammad Hamida Refah.
Produktion: Barmak Film, LeBrocquyFraser, NHK.
Verleih: Delphi. Länge: 83 Minuten. Start: 15. Januar 2003
Im Internet: Offizielle
deutsche Website zum Film Osama
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